Als ich die Schwalben am Himmel kreisen sah, erinnerte ich mich an damals, vor sehr vielen Jahren, als die Schwalben noch bei uns im Hinterhof wohnten, ihre Kreise zwischen den Häusern zogen und ein Paar sein Lehmhaus in der Ecke des Balkons über unserem Balkon gebaut hatte. Schön war es, jedes Jahr den Frühlingseinzug mit dem Eintreffen der Schwalben zu begrüßen, ihren verspielten Flügen mit Blicken zu folgen, zu lauschen, wann die ersten Zwitscherer der Jungvögel aus dem Lehmhausinneren zu hören waren und zuzusehen, wie die Kleinen ihre Flugversuche starteten.

Zusammenhaenge im Blick haben

Foto: H. J. Fünfstück/Piclease

Es war in so einem Jahr, als sich in unserer Wohnung ein großer Falter gefangen hatte, riesengroß war er, mindestens 5 cm lang sein Körper. Vorsichtig habe ich ihn in einer Schale gefangen genommen, die Schale mit einem Karton zugedeckt und bin damit zur Balkontüre – schnell sollte er wieder seine Freiheit haben! Vorsichtig habe ich den Karton zur Seite geschoben und schon flog der Falter davon. Doch ebenso schnell wie der Falter davonflog, mein Sohn und ich uns gerade über den in die Höhe flatternden Riesen freuen wollten,  – da hatte die Schwalbe ihre Beute bereits gesichtet. Unfassbar, wie schnell alles ging: der Falter war in ihrem Schnabel und wurde bereits an die Jungen verfüttert. Ganz ehrlich: ich war geschockt – mein Sohn auch. Ich war auch entsetzt, entsetzt über mich! Dass ich nicht daran gedacht hatte, dass ich direkt unter dem Nest und Brutplatz eines wilden Tieres, das natürlich permanent auf der Suche nach seinem Fressen ist, eine Beute freilasse. Dass ich denke, ich schenke dem Falter die Freiheit und ihn dabei direkt in den Schnabel seines Räubers werfe. Mein Sohn und ich, wir erinnern uns immer noch sehr genau an diesen schrecklichen Moment.

Neulich dachte ich wieder daran, als ich die Schwalben sah. Und dachte auch daran, als ich Nachrichten sah: weil der Versuch, die einen in diesen Corona-Zeiten zu schützen, Schwierigkeiten und Nöte bei anderen auslöst; weil das Abreißen der Lieferkette im fernen Land, die Arbeitslosigkeit auf dem anderen Kontinent bedeutet. Wie mit unsichtbaren Fäden sind wir alle miteinander verbunden, und unser Blick ist viel zu oft zu klein, die Zusammenhänge zu sehen.

Beitragsfoto: IMAGO bei mdr.de/wissen