„Ich habe mehr als 10 Jahre gebraucht, um das zu verarbeiten“, sagt der Forscher. Aber die Faszination für Wildkatzen ist ihm, Sergio Avila-Villegas*, geblieben. Statt diese weiter zu erforschen, schützt er sie seither – und hilft auch anderen dabei, die Wildtiere zu schützen.

Berufliche Umorientierung nach KriseIm Rahmen seiner Promotion, so zitiert die Süddeutsche Zeitung Sergio Avila-Villegas‘ Beitrag aus der Fachzeitschrift PLOS Biology „The Jaguar and the PhD“, hatte er Untersuchungen an Jaguaren vorgenommen. Dabei erlag ein wildes Tier der Behandlung und starb im Urwald. Dies versetzte ihm einen Schock: die Katze, von der er immer geträumt hatte, sie zu erforschen und zu schützen, war nun tot – tot durch seine Hand. Er stoppte die Arbeit an seiner Dissertation umgehend und nahm diese nie wieder auf, Schuldgefühle und Selbstzweifel plagten ihn fortan. Sie führten ihn schließlich dazu, sich als wissenschaftlichen Mitarbeiter des Arizona-Sonora Desert Museums in Tucson, in Arizona (USA) für den Schutz der Wildkatzen bzw. für den Schutz von Wildtieren einzusetzen. In diesem Rahmen berät er seither sogar Organisationen und Regierungsstellen, die sich für den Schutz der großen Raubkatzen einsetzen.

Krisen sind oft der Ausgangspunkt, die eigene Berufung zu findenNick Haddad, Professor an der Kellogg Biological State Universität in Michigan (USA), erforscht insbesondere das Leben eines kleinen, unscheinbaren Schmetterlings, den St. Francis Satyr, dessen Population immer wieder bis zum Rand des Aussterbens zurück ging, sich aber dann doch wieder erholte. In seinem Beitrag in PLOS Biology „Resurrection and resilience of the rarest butterflies“ schreibt er, er verdanke dem kleinen Schmetterling seinen wiedererstarkenden Lebensmut nach einer schweren Verletzung, die er am Kopf erlitten und nach der er über mehrere Monate einen Teil seines Gedächtnisses verloren hatte: „Der Schmetterling erinnerte mich an die Möglichkeiten des Wiedererstarkens, sowohl in meinem Leben als auch in der Natur“. Er genas und setzte sich seither für den Schutz der kleinen braunen Insekten ein, deren Population nun erstarkt ist.

Im Zentrum ihres Tuns stehen für beide ein klares Motiv und ein starker Wunsch – ihr Handeln hat einen tiefen persönlichen Sinn bekommen.

The golden Circle - Entscheidend ist die Frage nach dem Warum!Das erinnert mich an das Modell vom Golden Circle von Simon Sinek: im Zentrum innerster Motivation – und großer Überzeugungskraft – steht das „Warum?“.
Ja, das Warum! Warum eigentlich mache ich das, was ich mache?!

Sie fragen sich vielleicht, warum ich das mache, was ich mache? Mir war es wichtig, meine eigene Erfahrung weiterzugeben, dass Verunsicherungen nicht dazu führen müssen, Angst vor Veränderung zu haben, sondern der Stachel sein können, weiter zu suchen; dass es möglich ist, nach der Krise Sinn zu finden; dass es möglich ist, Freude und Arbeit zu verbinden, indem wir anwenden und geben, was wir zu geben haben: unsere Erfahrung und unser Können; dass Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sich aus dem Erleben speisen, das Richtige zu tun und sich im Tun einzubringen.
Indem ich meine über die Jahre – mitunter durchaus in schwierigen Phasen – erworbenen Kompetenzen, Stärken, meine Persönlichkeit und meine Talente einbringe und Menschen dabei unterstütze, durch Widrigkeiten und Schwierigkeiten hindurch, ihre Stärken und Ihre Talente zu erkennen, diese in ihre Arbeit einzubringen und schließlich Freude zu erleben und aufzublühen – darin erfahre ich den Sinn in meinem Leben. Und das ist das, was im Zentrum meines Tuns steht: dass Sie Ihre Kompetenzen, Ihre Talente und Erfahrungen verbinden und leben  – damit auch Sie Sinn in Ihrem Tun und in ihrem Leben erleben.

Krisen und Schicksalsschläge sind dabei oft „nur“ der Ausgangspunkt für Wendepunkte  – wie bei Sergio Avila-Villegas und Nick Haddad. Und oft der Startpunkt für die wertvollen Fragen nach dem „Was will ich machen, sagen, weitergeben?“, „Wie will ich arbeiten und leben?“ und schließlich der Frage „Warum bin ich hier?“.

 

* Die Berichte über Sergio Avila-Villegas und über Nick Haddad stehen im Artikel ‚Forschen mit Gefühl‘ aus der Süddeutschen Zeitung vom Freitag, 09.02.2018.