Nur so dahin gedacht habe ich mich, als ich am Tierpark vorbeifuhr, gefragt:
Sind Tiere glücklich, die in Sicherheit leben? Sie bekommen doch, was sie brauchen: das Fressen kommt pünktlich, die Gefahren sind gebannt, die Tage vorhersehbar… Ein bequemes Leben! Und doch…

Natürlich sind wir keine Tiere – und vielleicht sind Tiere nicht glücklich oder unglücklich.
Und doch…

Brauchen nicht auch wir Situationen, in denen wir unsere ganze Kraft und innere Wildheit leben, in denen wir nicht an äußere, sondern an unsere Grenzen stoßen? Weil wir in diesen uns ganz spüren und vollkommen präsent im Augenblick sind.

Brauchen nicht auch wir ein gewisses Maß an Unberechenbarkeit und an Momenten, die das Scheitern in sich bergen? Weil sie uns die Möglichkeit geben, für etwas zu kämpfen, mit ganzer Energie für etwas einzutreten und dann Erfolge zu haben und diese zu kosten.

Brauchen nicht auch wir ein Ziel, dem wir unseren ganzen Willen für einige Augenblicke oder längere Momente widmen können? Weil wir dann eine Perspektive haben und den Sinn unseres Handelns erkennen.

Ein tolles Gedicht, Der Panther von Rilke, geht mir da durch den Sinn. Deutlich sehe ich vor meinen Augen dieses wunderschöne Tier in seinem Käfig, wie es hin und her geht, spüre seine Kraft, seine Wildheit, die – eingefangen im Käfig – zu Ruhe, Stillstand, niedergezwungen ist. Etwas berührt noch kurz seinen Lebensimpuls, aber – ohne Hoffnung – stirbt dieser wieder.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.


Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.


Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.


(Der Panther von Rainer Maria Rilke, 1875-1926)

Foto © zemkooo2 – Adobe Stock

Das Gedicht kann man sicherlich auf verschiedene Arten und Weisen lesen. Ich sehe darin uns selber, die wir unser Leben in einen immer engeren Käfig eingeengt haben; unser Wille und unsere Kraft ist gefangen, aber nicht gänzlich gebändigt.
Ich sehe darin auch den Käfig, den wir unseren Gefühlen aufzwingen. Die Sehnsucht, leidenschaftlich zu leben bleibt in der Routine und im gesellschaftlichen Konsens aussichtslos.
Gewohnheit, Bequemlichkeit, Sicherheitswunsch und Konventionen verleiten uns doch oft dazu, unser Leben in immer kleiner werdende Kreise zu führen, während unsere Gefühle keinen Platz mehr haben; doch in manchen Augenblicken durchdringen sie diesen Vorhang und versetzen uns einen Stich der Ahnung – mitten ins Herz.