Oft hört man, dass etwas eine Zumutung ist, wenn einem oder anderen Personen etwas zugemutet wird, meistens zu viel abverlangt wird. Das ist dann die Zumutung!
Aber die Zumutung hat ihre zweite Seite und diese ist gefällt mir. Ich kann mir selber etwas zumuten: „Ich mute mir zu, bei Kälte und Regen trotzdem mit dem Fahrrad zu fahren.“ – „Ich mute es mir zu, dass ich nicht gleich die Heizung anstellen muss, weil es draußen kalt wird. Ich kann einen Pullover (mehr) anziehen.“ Oder: „Ich mute mir zu, in eine ganz neue Situation zu kommen und Gefühle der Verunsicherung zu überstehen.“ – „Ich mute es mir zu, nicht gleich zu reagieren, wie ich bisher reagierte: mich ärgern, mein Gegenüber verurteilen. Ich mute es mir zu, neugierig zu werden und zu fragen: wie kann dich verstehen?“ …

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Zumutung ihre zweite Seite verloren hat, einseitig negativ gesehen wird. Zumuten bedeutet aber auch: ich bin gefordert. Und das bedeutet doch auch, dass ich mich beweisen, dass ich mir neue Fähigkeiten aneignen kann, dass ich lernen werde. Da ist jemand, der es mir zutraut. Und wenn ich mir selber etwas zumute, dann glaube ich an mich, dann sehe ich mich in meiner Stärke, in meiner Fähigkeit, mit der oder mit einer neuen Situation umzugehen. Wenn ich mir etwas zumute, dann sprenge ich meine Grenze.

Natürlich ist zu viel zu viel – und dann verkehrt sich das Zuviel ins Negative. Aber per se: ich möchte mir etwas zumuten, weil ich mir etwas zumuten kann, weil ich nicht aus Marzipan bin; und weil ich danach eine neue Erfahrung gemacht habe, eine neue Fähigkeit erworben habe – oder mir schlicht und einfach gezeigt habe, dass ich mich nicht aus Bequemlichkeit beschränke, mich nicht klein mache.

Als ich neulich das Radio anmachte, sagte gerade eine Kinderstimme: „Wenn ich mich getraut habe, dann bin ich stolz – auf mich!“
Genau: wenn ich mich traue und mir etwas zumute, dann bin ich stolz auf mich, weil ich mich in meinen Möglichkeiten und in meinem Potenzial gelebt habe.