Vergangenen Freitag und Samstag besuchte ich die Tagung der Systemischen Gesellschaft unter dem Titel „Supervision und Coaching: 2 Wege, 26 Köpfe, 1000 Möglichkeiten“ in Mannheim, hörte mehrere  interessante Vorträge, besuchte Workshops und führte sehr nette, inspirierende Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Einer hat mich dabei besonders begeistert: „Navigieren im Dilemma – Haltungen und Interventionen für alltägliche Zwickmühlen“ von Dr. Julika Zwack, Psychotherapeutin, Supervisorin und Coach.

Dilemmata sind weit mehr, als sich nicht entscheiden zu können. Ein Dilemma ist ein Imperativ, eine gefühlte Aufforderung, sich zu entscheiden, die von innen oder außen kommt, und deren Seiten kein Entweder-Oder zulassen, sondern an sich zusammen gehören, auch wenn diese nicht zusammen gelebt werden können. Das ist wie: gehe Rechts und Links – gleichzeitig! Doch je mehr ich nach rechts gehe, desto mehr wächst die Notwendigkeit, links zu gehen. Im Schach bedeutet jeder Zug das Ende der Königin, wie sie sich auch entscheidet, sie wird geschlagen. Wir müssen zum Glück das Feld nicht räumen, aber einen guten Weg gibt’s hier auch nicht, gefühlt ist es ein Ende, das uns bevorsteht – so oder so.

Dilemmata sind schwer zu ertragen, unmöglich gut aufzulösen – und doch Alltag: die pädagogische Fachkraft, die in einer Einrichtung für bedürftige Kinder arbeitet und keine Überstunden mehr machen darf, obwohl ein akuter Personalengpass herrscht (Arbeitszeitgesetz, gekürtzte Gelder, eigene Belastungsgrenze) – ebenso die Führungskraft, die dies anordnet; die Vertriebskraft mit Familie, die eigene innere Werte und Vorstellungen von Qualität gegen harte Umsatzvorgaben und Ziele abwägen möchte; die Eltern, die vor der Frage stehen, ihr Kind mit hohem Risiko einer schweren Operation unterziehen zu lassen oder die drohende Verschlimmerung der Krankheit zuzulassen; das Unternehmen, das Ehrungen für seine Personalführung erhält und Umstrukturierungen, Auslagerungen, Kündigungen und sinkende Preise auffangen muss, …

Organisationen basieren auf Widersprüchen, die Idee der funktionalen Differenzierung liegt ihnen zugrunde; damit existieren verschiedene Interessen mit unterschiedenen Funktionslogiken nebeneinander. Die wachsende Zahl an Schnittstellenfunktionen bedingt auch die Zunahme von Zwickmühlen und Interessenkonflikten – und just das ist die zentrale Aufgabe der Führungskraft.

Für den Umgang mit dem Dilemma ist die Unterscheidung zwischen entscheidbaren und un-entscheidbaren Fragen hilfreich.

Heinz von Foerster spricht davon, dass  man von „Entscheidung“ im eigentlichen Sinn nur dann sprechen kann, wenn prinzipiell unentscheidbare Fragen zu klären sind. Nur in diesem Fall handelt es sich streng genommen um „Entscheidungen“. So schreibt er: „Die entscheidbaren Fragen (werden) schon entschieden (…) durch die Wahl des Rahmens, in dem sie gestellt werden, und durch die Wahl der Regeln, wie das, was wir ‚die Frage‘ nennen, mit dem, was wir als ‚Antwort‘ zulassen, verbunden wird. In einigen Fällen geschieht dies schnell, in anderen mag dies eine lange Zeit beanspruchen. Aber letztendlich erzielen wir nach einer Serie zwingender logischer Schritte unwiderlegbare Antworten: ein definitives Ja oder ein definitives Nein.“  … „Nur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“ (Heinz von Foerster)

Fragen, die ich nicht be-antworten kann, muss ich ver-antworten. Daher geht es beim Umgang mit dem Dilemma darum, zunächst die eigenen Werte, Vorstellungen und Standpunkte zu klären – und in nächster Instanz, deren Kommunikation zu vertreten. Das Herausarbeiten der Werte, die in den Entscheidungsalternativen aufscheinen, ist eine Möglichkeit, sich dem Dilemma zu nähern, deren „Verortung durch ‚Probebekenntnisse‘ und der darauf folgenden Körperresonanz“ hilft, einen Weg aus der Zwickmühle zu finden. Auch die Arbeit mit Gefühlen und dahinter liegenden Bedürfnissen kann helfen, den Weg aus dem Dilemma zu erkennen.

Es hilft aber oftmals zu wissen, dass Dilemmata an sich nicht gut lösbar sind, immer einen Preis fordern; es geht vielmehr um die Frage, wie gehe ich mit einer unbefriedigend bleibenden Entscheidung und dem Opfer, das damit verbunden ist, um? Statt zu fragen „Was will ich erreichen?“ helfen Überlegungen wie „Wofür will ich stehen?“, „Zu welchen Ergebnissen will ich beitragen?“, „Wer will ich sein?“.

Julika Zwack fordert mehr Kompetenz im Umgang mit Dilemmata, weniger „interaktionale Umweltverschmutzung“, mehr „organisationale Zivilcourage“ und einen „angemessenen Umgag mit unentscheidbaren Fragen“. Im Juli erscheint ihr Buch „Wege aus beruflichen Zwickmühlen“ (Julika Zwack und Ulrike Bossmann bei Vandenhoeck & Ruprecht). Und in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Systeme ihr Artikel „Entscheiden im Dilemma“.

Gut war auch – ganz anders – der Vortrag von Dr. Arist von Schlippe „Lachen hilft erkennen – Der Witz und seine Beziehung zum Bewussten“ am Ende des ersten Tages. Da haben wir viel gelacht… tut gut. – Leider kann ich keine Witze erzählen, die Pointe gelingt mir nicht… aber vielleicht kennen Sie ja eh einen.

 

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