Vergangene Woche schrieb ich über geschicktes und ungeschicktes Vergleichen. Aber hinter der Warnung vor dem Vergleich steht noch ein größeres Unglück: die Gefahr des Neids.

Niemand möchte neidisch sein, niemand möchte mit seinem Neid gesehen werden – auch wir selbst möchten uns kein Neidgefühl eingestehen. Denn Neid ist ein stechendes Gefühl. Und doch ist dieses Gefühl einfach menschlich, es gehört zum Leben, ob wir es wollen oder nicht.
Umfragen zufolge geben rund 70% der Befragten zu, regelmäßig und meist heimlich neidisch auf die Menschen in ihrer Umgebung zu sein. Aber auch die, die ihren Neid nicht zugeben, empfinden immer wieder Neid. Neid ist die Regel und nicht die Ausnahme, diesen gibt es seit allen Zeiten und in allen Kulturen.

Unter Neid verstehen wir das zu wollen, was jemand anderes hat. Neid offenbart damit einen Mangel, den ich aus dem Vergleich erkannt habe: du hast etwas, das ich nicht habe – und ich hätte es auch gerne! Doch bleibt es nicht bei dieser An-Erkennung, sondern ein bitteres Gefühl pflanzt sich in uns ein.*
Werbung lebt vom Wecken eines Defizits, in unserer Konsumgesellschaft ist Neid somit sogar ein Wachstumsmotor und sozusagen systemimmanent. Nur zeigen dürfen wir ihn nicht.

Da Neid ein Unterlegenheitsgefühl ist, wird er in der Regel nicht zugegeben. Neid wird umso größer, je größer Selbstwertdefizit, Geltungsbedürfnis oder Minderwertigkeitsgefühle sind.
Und er wird zerstörerisch, wenn das Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins als Ungerechtigkeit ohne Veränderungsmöglichkeit erlebt wird; dann wird man vom Neid zerfressen – und dieses Gefühl birgt ein großes Zerstörungspotenzial. Deshalb zählt der Neid zählt zu den „Todsünden“ bzw. „Hauptsünden“.
{Interessant für mich: Beim Nachschlagen, welches die 7 Todsünden sind, lande ich auf der Seite der Erzdiözese Wien, die ganz aktuell schreibt: „Das Übel des Neids besteht im Sich-Vergleichen und dabei finden, was ich nicht habe.“ – Hm… ist das schon eine Todsünde? Wir landen auf jeden Fall wieder beim sozialen Vergleich von vergangener Woche.

Doch auch der Neid ist nicht nur böse, schlecht. Er kann auch ein gesunder Motor für Veränderung, für Leistung und Ehrgeiz sein. Da wo Neid konstruktiv umgesetzt wird, wächst die Chance, dass Möglichkeiten der Kompensation gefunden werden – und damit auch Zufriedenheit und Gelassenheit erreicht werden, auf einem anderem Weg halt.

Mangelnder Umgang mit Neid beim Einzelnen – aber auch in der Gemeinschaft oder Gesellschaft – fördert dessen Radikalisierung und somit auch das Wachsen von Konflikten; ein bewusster und gesunder Umgang mit dem Neid lässt die Wahrnehmung für Fairness und Gerechtigkeit ebenso wachsen wie für Toleranz, Achtsamkeit und Großzügigkeit.

Hier noch ein Vortrag zum Thema Vergleichen, Neiden, Unterschiedsverleugnung und Erfolg, den ich sehr schätze: Alain de Boton: A kinder, gentler philosophy of success

* Neid sollte übrigens nicht mit Eifersucht verwechselt werden. Eifersucht ist die starke, übersteigerte Furcht, jemandes Liebe oder einen Vorteil mit einem anderen teilen zu müssen oder an einen anderen zu verlieren (Duden)

Einen ähnlichen Beitrag habe ich hier geschrieben: Neid – du ungeliebtes Gefühl. Leicht kann man erkennen: ich mag Gefühle wie Neid, Kränkung, Enttäuschung, Ärger, Wut … weil sie uns zeigen, dass wir etwas verändern müssen. Gibt es eine bessere Chance? 🙂