Die Forderung nach Gerechtigkeit ist ein Postulat, das leicht über die Lippen geht und oft zu hören ist: Es muss gerecht zugehen. Ja, das muss es! Das klingt richtig und das ist richtig. Immer richtig. Aber was ist gerecht?

Je näher ich an die Frage gehe, umso schwieriger und detaillierter wird es, diese zu beantworten. Klar ist auf jeden Fall: niemand darf wegen seiner/ihrer ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität benachteiligt werden (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz – AGG). Selbst hier merken wir vor allen in den letzten Monaten: was selbstverständlich klingt, ist manchmal schwierig als Diskriminierung zu erkennen und noch schwieriger zu vermeiden. Weil Ungerechtigkeit tradiert und mit unserer Organisationsstruktur verwoben ist. Das ist ungerecht und unrecht.

Manchmal ist Ungerechtigkeit gerecht. Es ist gerecht, dass Gehälter unterschiedlich sind. Ja, wenn die Leistung eine größere ist, so darf und sollte diese auch höher entlohnt sein dürfen. Aber: welche sind die Kriterien für die Bemessung der Leistung? Sind diese gerecht? Nein, mit Sicherheit sind diese immer nur der Versuch, Gerechtigkeit – vor allem Vergleichbarkeit – herzustellen. Welchen Wert hat unsere Leistung wann – und für wen?

Kann es Gerechtigkeit geben, wenn Kriterien für Gerechtigkeit abhängig sind von ihrem Kontext? Oder müssen sie nicht sogar abhängig sein von ihrem Kontext, damit es gerecht zugeht? Ist gerecht, was Recht gesprochen wird?

Bei Wikipedia lese ich: „Die Grundbedingung dafür, dass ein menschliches Verhalten als gerecht gilt, ist, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Wobei in dieser Grunddefinition offen bleibt, nach welchen Wertmaßstäben zwei Einzelfälle als zueinander gleich oder ungleich zu gelten haben.“ Und – es ist ein sehr langer und komplexer Artikel – hier steht auch: Soziale Gerechtigkeit meint, „…, dass jedem Mitglied der Gesellschaft die Teilhabe an der Gesellschaft durch die Gewährung von Rechten und möglicherweise auch materiellen Mitteln ermöglicht wird.“ Und sofort stellt sich natürlich die Frage: Und ab welchen materiellen Mitteln ist die Teilhabe an der Gesellschaft möglich und ab wann ist sie nicht möglich?

Es gibt keine Antwort auf alle Fragen, das ist bedauerlich – und wird gleichzeitig der Komplexität unseres Lebens gerecht. Wir müssen uns immer wieder mit Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten auseinandersetzen und diese neu aushandeln. Wir müssen nicht alles hinnehmen, aber wir müssen uns dem stellen. Wissen und Erkennen verpflichtet. Dass Justizia immer das Schwert in der zweiten Hand hält, ist kein Zufall, ebenso wie, dass sie blind ist. Aber wäre es nicht besser, dass sie genau hinschaut?

Foto: Mylius, Frankfurt Am Main-Gerechtigkeitsbrunnen-Detail-Justitia von Nordwesten-20110411.jpg