Was für ein guter Artikel, der mir aus der Seele spricht – und zur Nachahmung anspornt. Ja, Frauen verhandeln schlechter, fordern weniger, treten zurückhaltender für sich ein, … die ganze Palette halt. Dabei sind sie inzwischen bestens ausgebildet. Die Situation ist verzwickt.

Nie werde ich vergessen, wie ich damals als Personalleiterin bei einem Bewerbungsgespräch, bei dem mir mein weibliches Gegenüber überzeugend ihre Schwächen darstellte, aufforderte, auf ‚Reset‘ zu drücken und neu zu starten, damit sich das Gespräch auch für mich lohnt. Und siehe an: sie konnte es dann!

Einige Passagen hier aus dem Artikel von Michèle Loetzner „Frauen, lernt endlich verhandeln!“ – den sollten Sie aber unbedingt ganz lesen – im Ton recht flappsig und – bei allem Ernst der Lage – sehr humorvoll geschrieben: macht Spaß zu lesen und es steckt viel Wahrheit drin.

Frauen, lernt endlich verhandeln!Frauen verhandeln immer noch schlechter - und leider sind sie an ihren schlechten Gehältern teilweise selber schuld

„… Ich weiß, wovon ich rede, ich arbeite als freie Journalistin oft und auch gerne für Frauenmagazine. Und ich kriege das kalte Kotzen, wenn ich sehe, dass dieses Thema jedes Jahr wiederkehrt, weil es immer noch nicht an Aktualität verloren hat. Im Schnitt verdienen Frauen im Moment circa 21 Prozent weniger als Männer…. Woran das liegt? Bevor ich lospoltere, erstmal ein paar gesellschaftliche Gründe: Frauen arbeiten viel öfter in Sozialberufen. … Dann kommt das Ausbildungsproblem. … Und natürlich last but not least: Erst vor kurzem hat der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung wieder kleinlaut festgestellt, dass immer noch mehr Frauen als Männer in eine Babypause gehen oder sich um pflegebedürftige Verwandte kümmern. So, und jetzt darf ich mich endlich ganz persönlich aufregen. Trommelwirbel, bitte, hier kommt der ätzendste aller Gründe, weil er selbst verschuldet ist: Frauen verhandeln einfach scheiße! …

Frauen, nein, die hauen nicht auf die Kacke, wenn sie etwas wollen. Die erreichen ihre Ziele mit ausgefuchsten Strategien und freundlicher Zu-Arbeit, aber nicht, indem sie auf etwas bestehen oder es gar einfordern. So wurde ich als Kind und Jugendliche geprägt, so werden auch heute noch trotz aller feministischen Anstrengung die meisten Mädchen konditioniert. Über Jahre habe ich mich mit Friss-oder-Stirb-Honoraren durchlaviert. …

Da half es auch nichts, dass ich selbst genau zu diesem Thema Artikel schrieb und Experten interviewte, wie man als Frau besser verhandelt. Den simpelsten Ratschlag traute sich nämlich offenbar keiner zu sagen: Frag doch einfach nach mehr! Und zwar immer!

Auf den ersten Blick ein riskanter Ratschlag, denn es gibt Studien, die ganz klar zeigen, dass Frauen, die zu hart verhandeln, seltener eingestellt werden. Das wird als Verbissenheit gewertet, bei Männern als Führungskompetenz. Oder wie Hildegard Knef einmal sagte: ‚Brüllt ein Mann, ist er dynamisch, brüllt eine Frau, ist sie hysterisch.‘ …

Nach mehr Geld fragen. Wie unangenehm. Das fühlt sich undankbar an, fast schmutzig. Frauen verkennen oft auch, dass die Bezahlung nichts mit ihrem Selbstwert zu tun hat, sondern mit ihrer Leistung. Wer sich klein und inkompetent fühlt, hält eben mal lieber die Füße still. …

Meine Rettung waren zwei Jahre, die ich bei einem Männermagazin arbeitete. Der Ton war rauer, die Konflikte aber wesentlich sachlicher und kürzer — und eigentlich feierten die Typen sich wegen jedem Scheiß selbst. Ein Verhalten, dass Frauen immer noch völlig fremd ist. Manchmal wartete ich darauf, dass einer von den Redakteuren grölend im Flur auf die Knie fiel und sich das T-Shirt wie ein Fußballtrikot über den Kopf riss und auf seine Brust klopfte. Einfach nur, weil er erfolgreich eine Kopie gemacht hatte. Olééé!

Das waren gute Zeiten. Fast befreiende Zeiten. Auch weil ich plötzlich auf der anderen Seite saß. Jetzt verhandelten Autoren ihr Honorar mit mir und nicht andersrum. Bestürzend dabei war vor allem: Von zehn männlichen Autoren fragten neun automatisch nach mehr Geld. Und zwar in dem Moment, in dem sie den Auftrag erhielten. Von all den Frauen, die ich in der Zeit beauftragte, fragte mich eine einzige. Traurig, oder?

Allein, weil ich von ihrem Mut beeindruckt war, gab ich ihr mehr, als sie gefordert hatte. Bis heute zahle ich Autorinnen anstandslos ein höheres Honorar, sobald sie danach fragen. Und zwar nach Möglichkeit genau die Summe, die sie gefordert haben. Bei Männern habe ich da noch einen Rest Basar-Mentalität behalten und versuche mich irgendwo in der Mitte zu treffen. Frauen möchte ich damit zeigen, dass sie sehr wohl das bekommen, was sie wollen, wenn sie nur den Mund aufmachen.

Das mag von außen nach küchenpsychologischer Pädagogik aussehen, aber ich bin davon überzeugt, dass eine bestimmte Summe an positiven Erlebnissen dazu führt, dass dieses devote Verhalten von innen heraus zerstört wird.

Denn eigentlich ist immer ‚mehr drin‘. Jeder Auftraggeber hat ein bisschen Spielraum, egal in welcher Branche. Männern ist das klar, Frauen backen lieber blind Dankbarkeitskuchen. …“

Der Artikel „Frauen, lernt endlich verhandeln“ von Michèle Loetzner ist erschienen am 28.07.17 bei jetzt.de.