Ein Pferd sucht in seiner Box Schutz wenn es brennt, statt vor dem Feuer zu fliehen – auch wenn alle Tore und Gatter offen sind. Von dieser Tatsache hörte ich beim Auftritt von Lutz Herkenrath und Johannes Warth in der Black Box im Gasteig. Eine verblüffende Tatsache, denn das Pferd bringt sich gerade damit in größte Gefahr. Das ist immer wieder eine große Herausforderung für die Besitzerinnen und Besitzer von Pferdegütern – aber auch für Feuerwehrleute, denn die Tiere wehren sich vehement gegen das, was eigentlich ihre Rettung ist. Den Pferden muss man entweder eine Decke über den Kopf geben, wenn man sie hinausführt, so dass sie das Feuer nicht sehen, oder man muss sie zäumen und mit fester Hand aus dem Stall bringen.

So ein dummer Irrtum: die Pferde suchen Sicherheit am falschen Platz. Und irgendwie ja auch berührend, dass diese Tiere ihrer Box gegenüber ein solches Sicherheitsgefühl entwickeln, dass sie sich auf den Schutz der Box verlassen.

Veränderung ist manchmal schwerSo ungewöhnlich ist dieses Missverständnis gar nicht: Die Belegschaft von Alitalia wehrte sich 20 Jahre lang vehement gegen alle Rettungsmaßnahmen für die schon lange in wirtschaftlich Schwierigkeiten befindliche Fluggesellschaft; sie dachten offenbar, trotz „brennender Herde“ überall, weiterhin, das Alte sei sicherer, und blieben lieber „in ihrer bekannten Box“. Nun wurde die Insolvenz angemeldet. 

In der Outplacement Beratung erlebe ich immer wieder, wie Mitarbeitende – Fach- und Führungskräfte – sich manchmal jahrelang gegen ihre Kündigung wehren, obwohl es ihnen klar ist, dass es im Unternehmen keine Perspektive mehr für sie gibt. Und  dass die Jahre des Kampfes bereits Verletzung, Kränkung, Verunsicherung und oftmals auch Zermürbung bedeuten – eine Belastung für ihre körperliche und seelische Gesundheit.
Doch das Alte ist vertraut, das Vertraute scheint sicherer zu sein, als das unbekannte Neue. Und sie versuchen ein Leben im Angesicht der ständigen Abwehr, im Angesicht des „Feuers“ – auch wenn es näher kommt und sie wissen, dass ihre „Box“ nicht mehr sicher ist.

Die letztliche Aufhebung ihres Arbeitsvertrags wehren sie damit nicht ab, (manchmal handeln sie bessere Konditionen aus), doch die Spuren der Zeit sind deutlich.
Und besser ist ihre Ausgangssituation damit nicht geworden: einige Jahre später in den Bewerbungsprozess für eine neue Stelle eintauchen, keine Erfolgserlebnisse in den letzten Jahren, ein tiefes Misstrauen und oft auch den Verlust des Selbstbewusstseins.

Veränderung ist schwer, Neues immer spannendVeränderung macht manchmal Angst. Veränderung verunsichert, wenn das Neue gefährlicher zu sein scheint, als die Gefahr des brennenden Umfelds. Aber nur solange ich nicht bemerke, dass meine eigene „Box“ aus brennbarem Material ist.
Ein zweiter Blick lohnt sich – und dann erkennen wir, wo Gatter und Tore offen sind. Und vielleicht entdecken wir sogar ganz neue Möglichkeiten rings um uns herum.