Vergangenes Wochenende war ich in Kärnten, genauer gesagt am Wörthersee und in Klagenfurt. Da wollte ich längstens schon einmal hin; eine der Schriftstellerinnen, mit denen ich mich während meines Studiums viel beschäftigt hatte.

Ingeborg Bachmann, Autorin, Dichterin und promovierte Philosophin, bezieht ihre Umgebung immer wieder in ihre Schilderungen ein. Ich war also neugierig, den Südosten Österreichs, den ich noch nicht kannte, mal zu besuchen. Lohnenswert!

Besonders zwei Zitate begleiten mich seit Jugendjahren und haben meine Wahrnehmens- und Herangehensweise stark geprägt – und sind immer noch Teil meiner Anschauung. An diese musste ich natürlich auch wieder denken.
Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ *
Und von Ludwig Wittgenstein, mit dem sich Ingeborg Bachmann im Rahmen ihrer Studien stark beschäftigt hat: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ **

So war ich gut beschäftigt in Gedanken und Taten, habe die freien Momente und die sommerlichen Frühlingstage in der Region und am See genossen. Eine sehr schöne Landschaft: vorne Grün und Wasser, im Hintergrund Blau und die Bergzüge der Karawanken. Beeindruckend.

Einige Tage war ich unterwegs, der 1. Mai hatte sich in diesem Jahr für eine kurze Arbeitswoche angeboten. Alles Schöne zusammen hat mich schließlich die Zeit komplett vergessen lassen: die Tage waren irgendwo und irgendwann… der Laptop sehr weit – auf jeden Fall außerhalb meiner Gedanken – und mein Blog, den ich sehr gerne betreibe und für den ich regelmäßig sonntags einen Beitrag schreibe, blieb leer. Erst auf der Rückfahrt kam mir: Oh… ich habe ja gar nicht geschrieben!

Aber ich habe gelesen. Und dabei wieder einen guten Satz gefunden: „Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss?“

In seinem Roman ‚Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war‘ schreibt Joachim Meyerhoff: „Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte gestaltende Zukuft sein?
Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremder, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“ ***

Ja, dann werde ich meine Entscheidungen befreit von Bedenken, Ängsten, Begrenzungen und Vorannahmen fällen und mein Leben unabhängig und frei leben. Dann werde ich die Zeit vergessen und mit offenen Augen durch die Welt und die Zeiten schreiten!

 

* Anlässlich der Entgegennahme eines Preises sagte Ingeborg Bachmann: „Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, daß sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.

** Hier eine kurze und verständliche Erläuterung zur Äußerung: Philosophie erklärt: Wittgenstein – Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt

*** Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, 2. Teil der Trilogie „Alle Toten fliegen hoch“, Kiepenheuer & Witsch, 2016, S. 348.