Selbstoptimierung_2Als mein Sohn zu Ostern zu Besuch war, kam unser Gespräch auf Computerspiele und den GameBoy zu sprechen;  diesen gab’s bei uns nicht. Aber praktisch jedes Kind um ihn herum hatte einen. Er ging also zu seinem guten Freund. Doch jedes Mal wenn er zurück kam, war er obermies drauf, und dennoch zog es ihn immer wieder dahin.

Ganz verbieten wollte ich ihm diese Erfahrung nicht, schließlich haben gefühlt alle seine Freundinnen und Freunde damit gespielt. Bald war auch ihm klar, dass er immer schlecht drauf ist, wenn er Computer gespielt hatte und trotzdem weiter machen wollte, unbedingt, weil er gewinnen wollte. Klar, die Spiele waren allesamt eine „Lust-Frust-Spirale“ mit eingebautem Motivationsgenerator. In einem Artikel hatte ich mal vor inzwischen langer Zeit gelesen, dass die Kunst dabei, das „gelungene Gefühlsmanagement“ sei: Frust und Flow in einer guten Balance zu halten. Dem kleinen 7-jährigen ist dies nicht gelungen – und zum Glück hat ihm Fußball mehr Spaß gemacht.

Selbstoptimierung_4Neulich in der Beratung, erzählte mir eine Kundin, dass sie seit Jahren viele „Psycho-Seminare“, Selbsterfahrungsworkshops, Aufstellungen besucht und macht, viele Bücher zur Selbsterkenntnis und zur Selbstoptimierung gelesen habe – doch es geht ihr immer schlechter. Statt sich nach dem Workshop wohl und stark zu fühlen, merkt sie danach, wie viel sie nicht weiß, wo es noch zwickt, dass sie wieder nicht die Ursache ihrer Schwierigkeiten gefunden hat, sich immer schlechter und kleiner fühlt. Und doch geht sie bald wieder zu einem neuen Kurs.

Da kam mir die Erinnerung an die Erfahrung meines Sohnes wieder hoch: sie ist in die Falle der Lust-Frust-Spirale geraten! Ihr zentrales Motiv, die Fortbildungskurse zu besuchen, kommt aus dem Wunsch, mehr Einfluss auf die Geschehnisse in ihrem Leben zu haben, besser mit ihrem Leben klar zu kommen, Erfolg zu haben und sich nicht ausgeliefert, sondern kompetent und ausgeglichen zu erleben. Und dafür nimmt sie immer wieder Stress und Scheitern in Kauf. Doch ganz offensichtlich gelingt ihr dies seit Jahren nicht, das Gefühl von Inkompetenz und Versagen wird immer größer.

Selbstoptimierung_6Es war am Ende der Beratung klar: das kann für sie nicht der richtige Weg zur Selbstbewusstseinsstärkung und zu mehr Klarheit für sich sein. Sie wird jetzt eine Weile Dinge machen, die ihr gut tun, die ihr Spaß machen, in denen sie kompetent und gut ist – und sich wieder dessen bewußt wird, was sie kann. Sich aufbauen. Und wenn sie sich wieder selbstbewusst und gestärkt fühlt, dann – falls sie es noch braucht – kann sie ja einen ihr wertvoll erscheinenden Kurs belegen und beobachten, welche Erfahrung sie hier macht und inwiefern diese wirklich gut für sie sind. – Und das nicht nur, weil andere es so meinen.