Vor mir fährt ein Auto an der Ampel los, plötzlich werde ich stutzig – was stand da unter dem Kennzeichen? „Die Welt braucht mehr pinke-wahn_1Räubertöchter und weniger Prinzessinnen.“ Na, das ist doch mal ein Statement! Mädchen müssen doch ermutigt werden, eigenständig, anpackend und aktiv sein zu können und nicht in erster Linie hübsch, nett und brav.

In Rosa ist alles fröhlich
Am Abend stolpere ich zufällig über einen Beitrag auf ARTE, bei dem ich sofort hängen bleibe. Nicht nur zeigt die Sendung die Vorherrschaft des Pink in den Köpfen der Mädchen (die Farbe trägt schon pinke-wahn-5offiziell die Bezeichnung Barbie-Pink, Pantone 219). Indem das Marketing Rosa für Mädchen erfand, sind die Verkaufszahlen verdoppelt worden. Gab’s früher ein Fahrrad für alle Geschwister, so gibt es nun zwei: eines für den Bub, das andere für das Mädchen. Diese Strategie hat aus der Girlie-Kultur eines der größten kulturellen Märkte der Welt gemacht. Sie nutzt das natürliche Bedürfnis der Kinder, ihre sexuelle Identität zu zeigen. Denn erst wenn das Mädchen ihr rosafarbenes Kleidchen und ihre pinke Strumpfhose anhat, sehen die anderen, dass sie ein Mädchen ist. (Dasselbe gilt im Übrigen auch für Jungs, nur dass Rosa und Prinzessinnen ersetzt werden durch die Farbe Blau-Schwarz und den Kämpfer, siehe das Bild unten, das eine Lego-Figur für Jungs abbildet.) Allein in der Disney-Princess-Linie, erst Anfang der 2000-er Jahre entwickelt, gibt es mehr als 26.000 Merchandising Produkte! Der Prinzessinnen-Virus infiziert den gesamten Planeten!

pinke-wahn_3Offiziell sind alle Wege für jede/n offen und Eltern sind oft der Ansicht, dass die Chancengleichheit – zumindest im Elternhaus – erreicht ist. Doch die Konsumgesellschaft zeigt uns extrem sexistische Vorbilder.

Studien zeigen, dass Mädchen versuchen umso mehr hübsch und sexy zu sein, je mehr sie Medien ausgesetzt sind – und das sind Kinder heute täglich ungefähr 10 Stunden. Die Forscherinnen und Forscher zeigen auch, dass Teenager, die der Schönheit und Verführung große Bedeutung beimessen, weniger ehrgeizig sein werden und größere Chancen haben, später deprimiert zu sein. Die Girlie-Kultur ist ein Spiegel, den man Mädchen vorhält, eine Anleitung, mit der Mädchen die unterschiedlichen Rollen einüben, die man von ihnen erwartet. Mit der sie die Haltung und Ästhetik des richtigen Mädchens lernen.

Und das geht dann weiter in den Serien und Reality Shows. Von allen Formaten, die von Mädchen gesehen und für Hausfrauen entwickelt wurden, ist die Reality Show dasjenige Format, bei dem die Inszenierung weiblicher Rollen am stärksten einer Karrikatur gleicht. Auch diese Realität wurde von den großen Werbefirmen entwickelt, geschrieben und in ein Format gebracht. Und sie laufen seit vielen Jahren erfolgreich.

Die Girl Power Revolte
Anfang der 1990-er forderten einige Mädchen eine Revolution für sich und es entstanden Frauen-Punk-Gruppen wie die Bikini Kill und Riot Grrrls. Ihre Botschaft und ihr Ziel war es, Frauen zu mehr Macht zu verhelfen – empowerment. Worte wurden neu verwendet, um sie sich wieder zueigen zu machen. Sie waren wütend und wehrten sich dagegen, wie Frauen in der Gesellschaft gesehen wurden. Das war die ursprüngliche Girl Power.

An ihrem Höhepunkt wollte das Pop-Music-Business die Wut und die Begeisterung der Mädchen Power einfangen – aber bitte ohne den Feminismus und ohne die Revolte. So wurde das ganze massentauglich – woraus die Spice Girls entstanden. Es ging darum, die Girl Power appetitlich und gut verkäuflich zu machen. Die wütenden Seiten wurden gestrichen. Während die Spice Girls von Emanzipation sprachen und Mädchen an die Macht skandierten, so geschah dies ohne die leiseste Kritik an der bestehenden Macht. Sie sind keine Sängerinnen, die eine Botschaft vermitteln. Es sind einfach hübsche, sexy Girls, von denen jede eine andere Art der Würze hat.

Und während der Feminismus Angst macht, erzählt uns die Girl Power genau das, was wir hören wollen:
dass Frauen keine Opfer sind,
dass sie mächtig sind
dass es Spaß macht, eine Frau zu sein,
dass die Gleichberechtigung nicht weit und
der Geschlechterkampf vorbei ist.

Ultra feminin ist jetzt in
Und so entstand die „Ultra-Frau“, ultra feminin zu sein ist nun der angesagte Weg geworden, um sexistische Klischees zu überwinden. Das machen alle Popstars vor, aber auch Filme. Und Äußerungen wie die der Journalistin Monia Kashmire, die beim Gespräch zu ihren enganliegenden glänzenden Hosen, High Heels trägt und einen Pullover, dessen Rücken-Ausschnitt ihren ganzen Rücken zeigt. „Meinen Dschihad kämpfe ich mit High Heels. Es ist doch viel lustiger, mit Lächeln und ein bisschen Rouge zu kämpfen, als mit sozialpolitischen Sprüchen.“

Schlussendlich gibt es keinen anderen Weg mehr, als sexy zu sein, alles ist eine Frage des Aussehens geworden. „Mit der Girl Power verleiht die Kultur den Mädchen einen Hauch von Macht und Freiheit. Aber sie verbreitet den Gedanken, dass Identität nur ein Bild ist, dass Selbstverwirklichung sich auf das äußere Aussehen beschränkt und dass Weiblichkeit eine Performance ist. Die Girlies verwechseln ihr eigenes Vergnügen damit, anderen zu gefallen. Verwechseln Sexualität mit sexy sein. Und die Anweisungen, die sie bekommen, mit Freiheit.“ („Prinzessinnen, Stars und Girl Power,“ ein Film von Cécile Denjean)

pinker-wahn_girls-power

Auch wenn jetzt angeblich Halloween ist und man vermuten könnte, ein Mal darf es nicht um Schönheit gehen: ich habe schon ein kleines Mädchen gesehen, das einen Rock mit Spinnennetz-Muster anhatte – das ganze in Pink mit Rosa Mäntelchen natürlich! Die Bilder sind tief eingeprägt und zementieren die Geschlechterrollen für beide Seiten.

Und wahrscheinlich schlägt das Pendel der Veränderung, das zu Extremen neigt, bald wieder in eine andere Richtung. Ob es Frauen und Männern gelingen wird, diese Spuren sexistischer Bilder beider Seiten irgendwann zu nivellieren? Wo sind die Pipi Langstrumpfs, die Roten Zoras, die Ronja Räubertöchter? Ich glaube wir brauchen eine neue Revolte.