Denken, wie auf dem Bild mit Rodins „Denker“, sieht nach Kopf zerbrechen aus, anstrengend. Denken kann aber auch anders gehen: spielerisch, fließend oder still, zurückgenommen, auf Umwegen.

Aufschieberitis ist nicht nur schlecht

Zwischen Anschieben und Aufschieben liegen kreative Wege

„Ich habe meine kreativsten Ideen, wenn ich aufschiebe“ ist der Satz, der den Organisationspsychologen Adam Grant zum Nachdenken angeregt hat. Und er musste feststellen: Anschieber, Menschen, die ihre Aufgaben schnell und zügig erledigen, sind weniger kreativ und innovativ als moderate Aufschieber.

Nach Experimenten stellte Adam Grant fest, dass Menschen kreative Lösungen fanden, wenn sie die Fragestellung, für die eine Lösung gesucht wurde, vorher wussten, aber zunächst eine kleine Weile abgelenkt waren. Denn im Hintergrund lief die Fragestellung weiter.

Menschen, die lange aufschieben, trödeln so lange herum, dass sie keine neuen Ideen haben und Menschen, die sofort losstürmen, haben auch keine originellen Ideen, weil sie nervös und angespannt sind. Dann gibt es aber die von Adam Grant sogenannten „Originals“, die exakt den richtigen Zeitpunkt erwischen und die besten Ideen kreieren: gemäßigte Aufschieber waren um 16% kreativer als Anschieber und Aufschieber.
Das Aufschieben ermöglicht es uns, verschiedene Aspekte zu betrachten, nicht-linear zu denken und unerwartete Gedankensprünge zu vollziehen.

Adam Grant, der von sich als großen Anschieber spricht, hat es an sich selbst ausprobiert: er zwang sich beim Schreiben seines Buches über Originale, aufzuschieben. Als guter Anschieber machte er sogar in der Früh eine To-Do-Liste zum richtigen Aufschieben und arbeitete hart daran, sein Ziel nicht zu erreichen. So ließ er ein Kapitel lange liegen, obwohl es für ihn eine Qual bedeutete. Als er zurück zum Kapitel kam, musste er feststellen, dass er ganz viele neue und gute Ideen hatte. Er zitiert Aaron Sorkin, einen amerikanischen Drehbuchautor und Produzenten: „Sie nennen es Aufschieberitis, ich nenne es Denken.“ („You call it procrastination, I call it thinking.“)

Der kreative Prozess - mit Selbstzweifel

Soll der Prozess wirklich kreativ werden, so lassen Sie Schritt 4 weg.

Große Genies (Originale) haben aufgeschoben und ihre Aufgabe liegen gelassen: Leonardo da Vinci arbeitete 16 Jahre lang an der Mona Lisa. Auch Martin Luther King hatte seine Rede mit dem historischen Satz „I had a dream“ nicht fertig, als er auf die Bühne trat; aber so blieb er offen für eine breite Palette an möglichen Ideen und hatte Raum für Improvisation.

Auch Zweifel gehören zum kreativen Denken. Es gibt zwei unterschiedliche Arten des Zweifels: der Selbstzweifel, der einen zum Erstarren bringt, und der Zweifel an der Idee, der zum Ausprobieren, Optimieren und Weiterentwickeln anspornt. Sich zu sagen ‚ich bin schlecht‘, bringt nichts; sich dagegen zu sagen ‚die ersten Entwürfe sind immer schlecht‘ kann dazu bringen, hart weiter daran zu arbeiten bis es gelingt.

Selbstzweifel und Angst überwinden

Selbstzweifel und Angst überwinden – Ideen umsetzen!

Wie der Zweifel ist auch die Angst Teil des kreativen Prozesses. Aber es ist weniger die Angst vor dem Scheitern als eher eine Angst vor dem Aufgeben – oder später zu bereuen, es nicht getan zu haben. Denn etwas nicht zu tun kann auch ein Scheitern bedeuten. Originale und Genies haben viele Ideen und trauen sich, diese zu denken, weiter zu denken – wie auch große Komponisten sehr viele Werke haben.

Schnell anfangen und sich bei der Vollendung Zeit lassen, kann die Kreativität steigern, Zweifel an der Idee und Angst, es nicht zu versuchen, können motivieren. „Es ist nicht leichter, ein Original zu sein und kreativ zu denken – aber es ist der beste Weg, die Welt um uns herum besser zu machen“, Adam Grant in seinem Vortrag: The surprising habits of original thinkers (deutsche Übersetzung von Patricia Guzman).

Wenn mir übrigens jemand beim Schreiben meiner Blogbeiträge zusehen würde, könnte es passieren, dass dieser denkt, ich bin gar nicht dabei, er oder sie könnte auf den Gedanken kommen, ich gehe komplett unkonzentriert und wahllos an das Thema heran: ich springe vom Rechner, hole mir noch etwas zu trinken, schreibe, hänge noch die Wäsche auf, schreibe weiter, lese kreuz und quer – auch andere Artikel – notiere, was ich morgen nicht vergessen darf, schreibe weiter… so geht es, bis die Idee komplett ist und mich der Fluss packt…  Und bis zum nächsten Stillstand: überlegen, aufspringen…
Es macht Spaß, auch wenn die Unruhe mit vor dem Rechner sitzt.
Nur stille sitzen und grübeln… geht nicht.
Und warum meine Beiträge am Sonntag so spät erscheinen? Hm, …