Als ich neulich in der Innenstadt unterwegs war, sah ich eine Situation, die mich beeindruckt hat. Hupende Autos, drückende Hitze, Stau auf der Kreuzung und mittendrin zwei Busse. Der eine, so einer der Sorte Extral-Lang, war eingeklemmt in der Kreuzung: würde er weiterfahren, so nähme er das Straßenschild auf dem rechten Bürgersteig mit.

Also angehalten und gekurbelt, im Rückwärtsgang geht ganz sicher bei dieser Länge sehr sehr wenig. Als der Bus in der Gegenrichtung auf die Kreuzung kam, da stieg der Busfahrer aus und half seinem Kollegen, Spiegel einklappen und sachte einweisen. Und schließlich hat es geklappt. Die Ruhe dieser beider habe ich bewundert. Keinen Augenblick hatte ich den Eindruck, dass sie sich von der Gesamtsituation um sie herum verrückt machen lassen. Aber konzentriert haben sie das getan, was nun getan werden musste und – soweit ich es von der gegenüberliegenden Seite beobachten konnte – keine hämische Äußerung, keine Frotzelei, sondern Hilfe und Unterstützung durch den Kollegen.

Als ich dann diesen Post in einem befreundeten Blog gelesen habe, da musste ich an meine Busfahrer denken und möchte daher aus dem Blog Flughafeneuropa zitieren, den ich sehr empfehlen kann.

Dieter ist Busfahrer und Lukas nimmt uns mit auf seine Fahrt durch Berlin…

„Mit einem metallischen Klacken rastet das Schiebefenster ein. Eine Hitzewelle flutet den gelben Doppeldeckerbus. Erschöpft lässt sich Dieter in den Fahrersitz sacken und zündet sich eine Zigarette an. Ohne Zögern und völlig selbstverständlich. Für die nächsten drei Minuten ist dies sein Bus. Drei Minuten lang bestimmt er wieder die Regeln. Drei Minuten Pause, dann wird er sich erneut ins Chaos, den Stress und den Berufsverkehr stürzen. Dieters Bus ist der M29, Berlins Buslinie der Gegensätze, und sein Arbeitstag ist noch jung.

Der Metrobus 29 fährt vom Hermannplatz in Neukölln über den Görlitzer Park, vorbei am Checkpoint Charlie. Er streift Schöneberg, ehe er über Tiergarten nach Charlottenburg kommt. Den Ku’damm runter geht es bis nach Roseneck im Ortsteil Grunewald. Eine Tour mit dem M29 führt durch das soziale Universum dieser Stadt. Vom Bordstein bis zur Skyline.
Und zurück.

Auf der 16 Kilometer langen Strecke lädt und entlädt der 29er auf 45 Haltestellen Touristen und Arbeiter, Mütter mit Kindern, Studenten. Büromenschen, Betrunkene und Partyvolk. Unermüdlich und rund um die Uhr. Um die 55.000 Fahrgäste verteilen sich an einem Tag auf seiner Route.

Dieter hat seine Schicht vor knapp drei Stunden begonnen. Trügerisch ruhig lag er in der Morgensonne vor ihm, der Hermannplatz. Noch fünf Stunden wird der ehemalige Fernfahrer auf der Linie unterwegs sein. Er trägt ein weißes, gebügeltes Hemd. Seine Hose ist ihm einen Tick zu groß, zwischen den Gürtellaschen wirft der Stoff kleine Wellen. Seit über 15 Jahren fährt Dieter in Berlin Bus. Seine Lieblingslinie ist der 218. Entlang der Havelchaussee. Doch der Dienstplaner in der Zentrale war heute nicht zu bestechen. Dieter lacht. Sie kennen sich seit über zehn Jahren.
Er dreht den Zündschlüssel, der Dieselmotor verschluckt sich kurz, das gelbe Ungetüm schüttelt sich.

„Es werden immer mehr. Mehr Autos, mehr Fahrgäste. Das geht so nicht mehr“. Er seufzt und startet die nächste Tour, die Sonnenallee runter.

Im Herzen Kreuzbergs regiert das Chaos. Mit ruhiger Hand umkurvt er 2.-Reihe-Parker und Lieferwagen. Wie auf hoher See wiegt der Bus hin und her. Aus allen Richtungen hupt es. Fahrräder schlängeln sich links und rechts am Bus vorbei. An jeder Haltestelle entlang der Oranienstraße wälzen sich Menschenmassen durch den Bus. Rein, raus, hoch, runter. Bis zu 113 Fahrgäste verträgt so ein Doppeldecker-Biest der BVG.
Dieter hat keine Zeit und Nerven, um wie vorgeschrieben auch noch die Fahrscheine der Einsteigenden zu kontrollieren. „Da schau ich schon längst nicht mehr drauf, man könnte mir auch einen Krankenschein unter die Nase halten“, erzählt er später.

Dieter und sein Bus kämpfen sich voran. Mitten durch Kreuzberg 36. Dass der M29 eine Linie der Gegensätze ist, zeigt sich deutlich an Statistiken der Stadt Berlin. Hier am Oranienplatz sind über 21 Prozent der Anwohner unter 18. In diesem Bezirk wählten bei der Bundestagswahl 2013 über 28 Prozent die Linke, wohingegen die CDU mit 4,1 Prozent sogar an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert wäre. Rund um den Moritzplatz haben 67 Prozent der Anwohner einen Migrationshintergrund. Hier stiegen die Mietpreise in den vergangenen fünf Jahren um mehr als die Hälfte.

Wie wählt Charlottenburg-Wilmersdorf? Was zeichnen die Statistiken am anderen Ende der 29er-Linie für ein Bild von Berlin?

Dieter zückt das Fahrtenbuch, blickt auf seine Armbanduhr und trägt die Ankunftszeit am Wittenbergplatz ein. Er hat vier Minuten Verspätung – die von seiner halbstündigen Mittagspause abgezogen werden. Im Schatten ihrer gelben Kolosse stehen er und seine Kollegen am Fuße des KaDeWe. Doppeldecker-Dompteure unter sich.

„Ich habe fünf Tage hintereinander den 29er. Hast du nicht was Nettes für mich? Spandau vielleicht?“, fleht einer ins Handy. Alle lachen. Galgenhumor unter Leidgenossen. Dieters Kollege hat heute Glück, der Schichtplaner ist gnädig.

„Anfang Dezember gehe ich in Rente“, wirft Dieter in die Runde. „Glaubt mir, auf meiner letzten Fahrt mache ich mir ne Pulle Sekt auf.“ Er schmunzelt und nippt an seinem schwarzen Filterkaffee.

Vor den Scheiben verschwimmen die Schriftzüge zu einer Endlos-Edelboutique. Diorchanelguccihugobosss. Dieter ballert den Ku’damm hinunter. Noch 20 Minuten Wahnsinn. Noch 15 Stationen bis zur Endhaltestelle Grunewald/Roseneck.

Je länger die Fahrt dauert, desto weniger euphorisch grüßt Dieter die entgegenkommenden Kollegen. Dem anfänglichen Salutieren ist einem müden Handheben gewichen. An roten Ampeln lässt er seine Handgelenke zwischen den Lenkradspeichen baumeln.

Der M29 unter Dieters Ägide schiebt sich vorbei an der Schaubühne, weiter hinein nach Charlottenburg/Wilmersdorf.

Der Trubel ebbt Haltestelle für Haltestelle ab. Die Porsche-Dichte nimmt zu. Knapp eine Stunde Fahrtzeit vom Hermannplatz entfernt steigt Dieter aus seinem Bus und betritt eine andere Welt. Hier um das Roseneck sind 33 Prozent der Anwohner über 65. In diesem Bezirk hätte die CDU bei der Bundestagswahl 2013 die absolute Mehrheit erreicht. 50,5 Prozent der Anwohner wählten Schwarz. Links hingegen nur 5,1 Prozent. Rund um die Endhaltestelle haben lediglich 22,5 Prozent der Anwohner einen Migrationshintergrund. Hier stiegen die Mietpreise in den vergangenen fünf Jahren um deutlich weniger als 10 Prozent.

Die Bäume rund um das Roseneck wiegen sich behäbig im Wind. Dieter zündet sich erneut in seinem Fahrersitz eine Zigarette an.

Und steigt aus. Die Sirenen, das Hupen, die Menschenströme vom Hermannplatz, sie sind unendlich weit weg.

Noch vier Mal Weltreise. Dann hat Dieter Feierabend.“ (Lukas Krombholz, Fluhafeneuropa)

Foto: Ich fahr gut.de

Ich bin ganz sicher, dass Sie das nächste Mal ihren Busfahrer mit anderen Augen sehen werden – vielleicht ein bisschen staunend.