Nun bin ich ihm auf den Leim gegangen, das ärgert mich. Seit nahezu 35 Jahren sind mir Sekten und Menschen, die andere manipulieren, ein Graus. Seit meiner Schulzeit achte ich darauf, deren Wirkunsfeld zu erkennen. Bei meinem letzten Beitrag „Why worry?“ gehört der hier zitierte „Guru Gopal Prabhu“ der Gemeinschaft der Hare Krishnas an, die sich inzwischen umbenannt haben in ISKCOM. Menschen, die zur Gruppe der Hare Krishnas gehören, haben Sie vielleicht auch schon gesehen, vor einigen Jahren waren sie recht häufig in den Zentren der Stadt zu sehen, asiatisch gekleidet und ein gut gelauntes Hare Krishna singend.

Was ich dagegen habe?

Manche Gruppierungen manipulieren ihre Mitglieder in der Art, dass sie sie in ihrer Freiheit, in ihrem Denken und Handeln einschränken. Die Mitglieder folgen einem Meister, der ihnen in irgendeiner Weise Heil verspricht: Lebenssinn, Glück, Gemeinschaft, Gesundheit, Erfolg. Die Struktur der Gemeinschaft ist hierarchisch, oftmals totalitär aufgebaut. Kritik und Fragen sind unerwünscht, Kritik von außen wird als Fehlinformation oder Verleumdung abgetan. Die Gruppe behauptet, das Wissen und die Methoden zu besitzen, um nicht nur die persönlichen, sondern überhaupt alle Probleme dieser Welt zu lösen. Dies erfolgt meist auf der Grundlage eines einfachen Weltbilds und der Lehre von absoluter Wahrheit.

Die Enquête-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ schreibt, dass der Begriff „Sekte“ sich zunehmend auf Gruppen bezieht, denen vorgeworfen wird, in Lehre und Praxis systematisch gegen ethische Überzeugungen wie Menschenwürde, Menschenrechte, Freiheit, Toleranz, Selbstentfaltung oder Selbstverwirklichung zu verstoßen, statt Entfaltungsfreiheit Abhängigkeit zu produzieren, Menschen zu entwürdigen und zur Intoleranz anzuleiten.
Und dies, obwohl sie etwas ganz anderes behaupten, nämlich dass Sie Lebenssinn, Glück, Gemeinschaft, Gesundheit und Erfolg finden. Klar, dies bekommen halt nur Gruppenmitglieder.

Was ist eine Sekte?

Eine Sekte ist nach dem Schweizer Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid eine Gemeinschaft, durch welche Menschen eine erzwungene Abgabe von Freiheit erleben. Dabei spielen der Führungsstil, die Regelfestlegungen für alle Bereiche des Lebens sowie die Kontrolle der Einhaltung und Sanktionierung eine zentrale Rolle. Diese Wahrnehmung sei, so Georg Otto Schmid, einerseits von einer subjektiven Einschätzung abhängig und auch graduell unterschiedlich. Das heißt also, dass die Freiheitseinschränkung für die einen bereits früher beginnt, als für die anderen, die die Struktur der Gemeinschaft noch als wohltuende Zugehörigkeit empfinden und die führende Autorität noch als Richtung gebende Persönlichkeit sehen.

Verführer und Manipulierer: Sekten

Foto: merkur.de

Der Soziologe Max Weber unterscheidet Sekten von Kirchen anhand ihrer Rekrutierungsmechanismen. Sekten sind laut dem Soziologen Gemeinschaften, in die man auf Grund einer persönlichen Entscheidung und ausschließlich nach intensiver Prüfung aufgenommen wird. Im Gegensatz dazu sind Kirchen Organisationen, in die man hineingeboren wird. Aus soziologischer Sicht spricht man dann von einer Sekte, wenn eine Gruppierung wegen mangelnder Größe und gesellschaftlicher Akzeptanz keine ausreichende Einbindung in die Gesellschaft erfährt.

Sekten sind das Fremde, das Andersartige und Unbekannte. Die meisten Sekten entstehen durch eine charismatische Gründerpersönlichkeit. In bedingungsloser Ich-Auflösung und völliger Identifikation mit einem Guru, dem sie folgen, erleben die Sektenmitglieder eine totale Gemeinschaft.

Wie erkennt man Sekten?

Eine gute Übersicht zu den Merkmalen von Sekten gibt die Sektenberatungsstelle der evangelischen Kirche:

  • Die Gruppe erweckt bei Ihnen den Eindruck, dass Sie hier genau das finden, was Sie schon immer vergeblich gesucht haben: Lebenssinn, Glück, Gemeinschaft, Gesundheit und Erfolg.
  • Sie behauptet, das Wissen und die Methoden zu besitzen, um nicht nur Ihre, sondern alle Probleme dieser Welt zu lösen.
  • Schon die erste Begegnung mit der Gruppe eröffnet Ihnen ein verblüffend einfaches Weltbild. Sie suggeriert Ihnen, ein wirksames Patentrezept für alles zu haben.
  • Es ist schwierig für Sie, sich ein genaues Bild von der Gruppe zu machen. Anstatt viel zu fragen oder gar zu diskutieren, sollen Sie zu bestimmten Veranstaltungen kommen und Ihre eigenen Erfahrungen machen. Wollen Sie Antworten auf Ihre konkreten Fragen, werden Sie auf später vertröstet.
  • Die Gruppe hat einen Meister, einen Guru, ein Medium oder einen Führer, der allein im Besitz des für Sie notwendigen Wissens ist. Daher sollen Sie ihm vorbehaltlos vertrauen und sich von allem Hinderlichen lösen.
  • Die Lehre der Gruppe ist von absoluter Wahrheit, ihre Methoden beziehungsweise „Technologien“ funktionieren hundertprozentig.
  • Die Gruppe ist hierarchisch auf die an der Spitze einer Pyramide stehende Führung oder den im Mittelpunkt stehenden Führer ausgerichtet. Die Struktur ist mehr oder weniger totalitär.
  • Kritische Einwände in der Gruppe sind unerwünscht. Kritik von außen wird als Fehlinformation oder Verleumdung abgetan und als Beleg dafür gewertet, dass die Gruppe Recht hat.
  • Die Gruppe versteht sich als eine exklusive Elite, die als Einzige weiß, wie man angesichts der bevorstehenden Weltkatastrophen überleben kann. Alle anderen Menschen werden als verloren betrachtet, Aussteiger als Verräter angesehen, von denen man sich distanzieren muss.

  • Als Mitglied der Gruppe sollen Sie mit einem kompromisslosen Sendungsbewusstsein ausgestattet werden, um andere zu missionieren beziehungsweise anzuwerben.
  • Man benutzt eine ausgeprägte Insider-Sprache, Symbole oder Zeichen, die Sie nicht kennen, deren Bedeutung Sie aber im Laufe der Zeit erfahren sollen. Vielleicht ist von „Einweihung“ die Rede. Auch eigene Ernährungs- oder Kleidungsvorschriften fallen Ihnen auf.
  • Alle notwendigen Informationen bekommen Sie in der Gruppe. Information aus öffentlichen Medien wird pauschal für unzuverlässig und falsch erklärt, Sie sollen sie am besten ganz meiden.
  • Natürliche Bedürfnisse wie Hunger, Schlaf oder Sexualität werden reduziert, um sich uneingeschränkt für die Ziele der Gruppe engagieren zu können.
  • In Gesundheitsfragen hat die Gruppe ihre eigenen Konzepte. Das Aufsuchen eines Arztes oder die Inanspruchnahme herkömmlicher Medikamente wird meist nicht direkt verboten, gilt aber als verpönt und als Mangel an Glauben.
  • Die Gruppe versteht sich als Ihre neue „Familie“ respektive „Großfamilie“. Die bisherige Familie wird für unwichtig oder sogar unerwünscht erklärt. Dasselbe gilt für Verwandte, Freunde und Bekannte.
  • Freizeitbetätigungen (Sport, Hobbies, Urlaub) werden als Zeitverschwendung schlecht gemacht, es sei denn, sie nutzen der Gruppe.
  • Sie gewinnen zunehmend den Eindruck, dass Ihr Privatleben unerwünscht ist und dass alle persönlichen Interessen und Wünsche den Gruppenzielen untergeordnet werden müssen. Es ist schwer für Sie, allein zu sein. Immer ist jemand aus der Gruppe bei Ihnen oder ruft Sie zumindest regelmäßig an.
  • Die Gruppe nimmt Ihre Zeit immer mehr in Anspruch für das Anwerben neuer Mitglieder, für den Verkauf von Büchern oder Zeitungen, für das Absolvieren von Kursen, Meditationen und sonstigen Veranstaltungen.
  • Wenn Sie zweifeln, weil sich der versprochene Erfolg nicht einstellt, sind Sie selbst schuld, weil Sie sich angeblich nicht genug eingesetzt haben oder nicht stark genug glauben.

Mein eigener Bezug zu Sekten…

Während meiner Gymnasiumszeit in Nürnberg hatte ich über mehrere Jahre ein und denselben Religionslehrer, Pfarrer Meyer. Eines der „Lieblingsthemen“ von Pfarrer Meyer waren Sekten, dieses Thema haben wir also mehrmals besprochen. So habe ich früh gehört, wie diese Systeme funktionieren und dass es sehr viele sektiererische Gemeinschaften gibt.

Als ich dann mit 17 Jahren mit meinem Freund, der auch bei Pfarrer Meyer im Religionsunterricht war, das erste Mal alleine nach München gefahren bin und die Leopoldstraße entlang ging, wurden wir von einem jungen Mann sehr freundlich lächelnd angesprochen: „Wie viel Paar Schuhe haben Sie an?“ Ein kurzes miteinander Lachen und die Einladung zu einem kleinen Test – und schon waren wir in den Räumen von Scientology, ganz in der Nähe der Münchner Freiheit. Wir wurden getrennt und jeder füllte einen langen Fragebogen aus. Natürlich wussten wir beide – gut von Pfarrer Meyer vorbereitet, – wo wir gerade sind und sahen dies als „Selbsterfahrung“, doch unabhängig voneinander wurde es uns bald mulmig, als die Fragen immer persönlicher und psychologisch-manipulativer wurden, und wir brachen das Selbst-Experiment ab.

Aber es hat genügt, um zu wissen: sie sind schnell da, sie sind mitten unter uns und kommen freundlich und einladend und suggestiv.

Später wurde ich von einem Arbeitgeber eingeladen, an Selbsterfahrungsworkshops teilzunehmen, die angeblich sehr wirksam seien. Ich hörte, dass einem untersagt sei, während des Tages zu essen, man sei 24 Stunden ununterbrochen in der Gruppe im Raum „eingeschlossen“ und dürfe nur zu bestimmten Zeiten „austreten“ – Methoden, die in meinen Augen, Individuum verachtend und persönlich einschränkend sind. Mir klingelten – Pfarrer Meyer sei Dank – sofort die Glocken, ich nahm Abstand von einer Teilnahme, erhielt kurze Zeit später meine Kündigung und bin froh, nicht mitgemacht zu haben.

… und warum es mir so wichtig ist, hier zu informieren

Meine Erlebnisse haben mich stark beeindruckt und nachhaltige Wirkung gehabt. Die Tatsache, dass Sekten selbsterklärend natürlich vor allem in sozialen Einrichtungen fischen, in Bildungsinstituten, in psychologischen und Persönlichkeits-Entwicklungs-Maßnahmen aktiv sind und hier Menschen aktiv beeinflussen, wird zu meinem Unverständnis viel zu selten wahrgenommen. Scientology steht unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes, der Staat kann aber nicht wirklich viel machen: „Der Staat muss beim Thema Sekten die von der Verfassung gezogenen Grenzen der Neutralitätspflicht in religiösen und weltanschaulichen Dingen beachten. Erst wenn die Religions- und Weltanschauungsfreiheit dazu missbraucht wird, Menschen ihrer allgemeinen Rechte zu berauben, kann und muss er verwarnen, gegebenenfalls Sanktionen verhängen oder die Gruppe sogar verbieten.“

Und: „Nur wenn sich eine Gruppierung kriminell oder verfassungsfeindlich verhält, kann ein Verbot in Erwägung gezogen werden. Nach unserer Rechtsordnung dürfen Menschen zwar alles glauben, was sie wollen, aber sie dürfen nicht alles machen, was sie glauben.“

Persönliche Freiheit, das Recht zur eigenen Meinungsäußerung, das Fragen, Hinterfragen und das unabhängige Denken, sind für mich zentral. So wollte ich immer behandelt werden und auf dieser Grundlage möchte ich immer handeln können.

Und so sind dies auch grundlegende Pfeiler in meiner Beratung. Ich möchte dabei unterstützen, dass jeder/jede zu seiner/ihrer eigenen Meinung und seine eigene Lösung findet. Der Respekt vor der Individualität, der geistigen Freiheit und der Würde des einzelnen ist mir sehr wichtig. Die Menschenrechte hingen schon als junges Mädchen in meinem Zimmer, hier Artikel 1:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Und da ich immer wieder staune, wie wenig Menschen über Sekten wissen, und wie wenig über deren Gefahr für die geistige (manchmal durchaus auch körperliche) Freiheit besteht, habe ich sogar einen entsprechenden Passus in meiner Coachingvereinbarung (Allgemeine Geschäftsbedingungen) aufgenommen. Als ich diese Grundlage meiner Arbeit diese Woche einer Personalleiterin aushändigte, schmunzelte sie: genau diesen Passus haben sie auch in ihren Arbeitsverträgen und es ist der Part, der bei der Vertragsverhandlung am meisten nachgefragt wird; bei mir auch. Und gerne erzähle ich dann, warum dieser hier steht und wie wichtig es in meinem Augen ist, die Augen nicht vor den „Menschenfängern“ und „Seelenfischern“ zu verschließen, sondern sich dessen bewusst zu sein, dass sie gerade im Umfeld von Beratung und Coaching gerne tätig sind.

Und auch in witzigen Beiträgen wie die vom „Guru Gopal Prabhu“, der mit Charme, Freundlichkeit, Zugewandheit Verständnis und Nähe aufbaut. Menschen, die sensibel sind, die sich vielleicht gerade in einer Krise befinden, die Führung und Klarheit für ihr Leben suchen, können den Eindruck gewinnen, dass hier ein Weg entlang geht, dass sie hier einen guten Guru haben, und Lebenssinn, Glück, Gemeinschaft, Gesunheit und Erfolg finden.

Passen Sie bitte auf sich auf!

Weitere Infos bzw. informative Medienbeiträge

Ein Beitrag zu Scientology: Die dunklen Geheimnisse der Scientology-Sekte (ARD Methiathek, online bis 11/20)

Ein Bericht zu den Zeugen Jehovas: Planet Wissen: Ich war eine Zeugin Jehovas (online bis 09/19)

Ganz aktuell, Michelle Hunziker berichtet über ihre Jahre und ihren Ausstieg aus „Krieger des Lichts“: Michelle Hunziker, TV-Moderatorin: War Jahre in den Fängen einer italienischen Sekte

Zur Schwierigkeit des Ausstiegs aus einer Sekte: Im Bannkreis der Erwählten: Sektenaussteiger und ihre Erfahrungen (online bis 07/20)

Kürzlich und in München: München – Ein Schwerpunkt der Scientologen (Süddeutsche Zeitung, 03/17)